Süchte

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    Alkoholismus wie ich ihn sehe

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    Lothar_HH

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    Alkoholismus wie ich ihn sehe

    Beitrag  Lothar_HH am Mi Jul 18, 2012 9:39 pm

    hier Lothar aus Hamburg, Alkohol- und Medikamentenabhängig

    Liebe Freundinnen und Freunde

    Gestern während meiner Arbeitszeit um 20:30 Uhr kam ich zur U-Bahn-Station "Lohmühlenstrasse". Mir fiel sofort ein schlafender junger Mann auf einer Sitzbank auf, der sich immer wieder zur Seite neigte. Bei näheren Hinsehen merkte ich "Der Junge ist besoffen!" Kein Grund da helfend einzuschreiten. Also machte ich mich an die Arbeit, leerte die Müllbehälter und war schon knapp in der Zeit. Der junge Mann übergab sich, saute mir den Bahnsteig ein.
    Na toll dachte es in mir auch das noch ... Komischerweise wurde ich nicht ärgerlich, holte Wasser, Seife, Schieber und entfernte die Sauerei. Der junge Mann torkelte kurze Zeit später in die U-Bahn, umher stehende Fahrgäste schüttelten mit dem Kopf.

    Als ich noch soff - zum Ende meiner Saufzeit exzessiv - habe auch ich die Gegend vollgekotzt. Mistens konnte ich mich nicht mehr daran erinnern. Gestern hatte ich meinen Spiegel und die Gewissheit, dass mir in der Wiedergutmachung nichts geschenkt wird. Das lässt mich demütig werden, verständnisvoll werden auch wenn es mit Mehrarbeit verbunden ist.

    Heute brauche ich nicht mehr die Gegend vollzukotzen und torkle auch nicht mehr durch die Landschaft. Ich trage den ehrlichen Wunsch in mir nicht mehr zu saufen und ich tue alles dafür dass sich dieser Wunsch auch erfüllt. So besuche ich regelmäßig mein Stammmeeting jeden Samstag und im Online-Meeting bin ich auch anwesend zumindest lesend.

    Nun bin ich seit Jahren trocken -immer nur für heute- habe dadurch ein lebenswertes Leben bekommen und dennoch weiß ich, dass ich nichts behalten kann -auch meine Trockenheit nicht- wenn ich es nicht weitergebe in welcher Form auch immer.

    Wenn ihr die Botschaft weitergeben wollt so wie ihr sie erfahren habt, könnt ihr das hier im Forum tun Ich weiß dass diese Seite auch von Betroffenen aus anderen Selbsthilfegruppen besucht wird.

    Habt gute 24 Stunden
    Lothar HH

    Susanne T.

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    Re: Alkoholismus wie ich ihn sehe

    Beitrag  Susanne T. am Di Mai 12, 2015 12:05 pm

    Susanne hier, ich bin Alkoholikerin

    Hallo Lothar, hallo Freunde,

    heute war mir mal wieder nach Juergens Seite und freue mich, daß Lothar sie weiter am Leben erhält. Dann las ich Deinen Beitrag und mir kamen Erinnerungen. Ich kenne den Bahnhof Lohmuehlenstrasse und Betrunkene gehören dort zum Alltag. Auch ich habe in meiner schlimmsten Zeit dort Alkohol gekauft oder dort in der Umgebung. Ich fühlte mich elend, weil ich doch gar nicht trinken wollte und weil mich auch keiner sehen sollte. Ich schämte mich ganz furchtbar, hatte Angst meinen Arbeitsplatz zu verlieren, meine Familie. Über ein Online Meeting wurde mir Mut gemacht in eine Gruppe zu gehen. Allein hätte ich es nicht geschafft. Der Gruppensprecher hieß auch Lothar. Mein erstes Meeting war samstags in der Langen Reihe. Es war so ein tolles Meeting an das ich immer wieder denken muß weil alle mir ihre Geschichten erzählten und ich fühlte wie ernst und aufrichtig sie waren. Und ich bekam Mut und Kraft. Alle waren so freundlich zu mir, verständnisvoll. Heute bin ich schon einige Jahre trocken und immer noch dankbar, daß ich durch AA den Weg zur Trockenheit gefunden habe. Wenn ich heute Besoffene sehe, bin ich dankbar, daß ich nicht trinken muss. Heute nicht und hoffentlich viele, viele 24 Stunden nicht mehr.
    Liebe Grüße
    G24h
    Susanne

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